Kettenlänge bestimmen: die Methode, die zu deinem Antrieb gehört

Mechaniker arbeitet in der Werkstatt an einer Fahrradkette
Foto: Thomas K, Pexels-Lizenz

Kettenlänge bestimmen auf einen Blick

  • Das Grundprinzip bei Shimano: Kette um das größte Kettenblatt und das größte Ritzel legen, ohne sie durch das Schaltwerk zu führen. Die Enden gerade zusammenbringen — das ist die Basislänge.
  • Dann addieren: Shimano nennt für Hardtails vier bis fünf Glieder und für Fullys fünf bis sechs Glieder zusätzlich, wenn ein Kettenschloss verwendet wird.
  • SRAM rechnet anders: gleiche Ausgangsstellung, aber andere Zuschläge — und beim Fully ein zusätzlicher Schritt vorweg. Nach den SRAM-Unterlagen sind es beim Hardtail zwei Innen- und zwei Außenglieder. Beim Fully wird der Dämpfer zuerst so weit eingefedert, bis die Hinterachse am weitesten vom Tretlager entfernt ist — erst dann kommen ein Innen- und ein Außenglied dazu. Ohne dieses Einfedern wird die Kette zu kurz. Nimm hier zwingend die Anleitung zu deinem Antrieb — die Verfahren sind nicht austauschbar.
  • Bei Fullys gilt zusätzlich: Der Abstand zwischen Tretlager und Hinterachse wächst beim Einfedern. Diese Kettenlängung ist der Grund, warum eine zu kurze Kette an einem Fully das Schaltwerk zerstören kann.
  • Der Kontrolltest: Auf großes Blatt und größtes Ritzel schalten — der Schaltwerkskäfig darf nicht am Anschlag stehen. Auf kleines Blatt und kleinstes Ritzel — die Kette darf nicht durchhängen und der Käfig nicht anschlagen.
  • Faustregel für den Notfall: Neue Kette neben die alte legen und Glied für Glied abzählen — aber nur, wenn die alte Kette nachweislich gepasst hat.
  • Fazit in einem Satz: Es gibt keine allgemeine Kettenlänge — es gibt das Verfahren deines Herstellers, und das steht in seinem Handbuch.

Die Kettenlänge ist eine der wenigen Einstellungen am Rad, bei denen ein Fehler in beide Richtungen teuer wird. Zu lang: Die Kette schlägt an der Kettenstrebe, springt in unruhigem Gelände ab und schaltet auf den kleinen Ritzeln unsauber. Zu kurz: Beim Schalten auf großes Blatt und größtes Ritzel wird der Schaltwerkskäfig über seinen Anschlag hinaus gezogen — das kostet im besten Fall das Schaltauge, im schlechteren das Schaltwerk und das Laufrad.

Trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, es gäbe die eine richtige Methode. Gibt es nicht. Shimano und SRAM legen die Kette zwar gleich an, zählen die Zusatzglieder aber unterschiedlich — und SRAM verlangt beim Fully einen Schritt, den Shimano nicht kennt. Beide Verfahren sind in sich stimmig, mischen darf man sie nicht.

Was du brauchst

  • Kettennietdrücker, wenn die Kette gekürzt werden muss
  • Kettenschlosszange
  • Ein passendes Kettenschloss — bei SRAM PowerLock nur zur einmaligen Verwendung
  • Bei Shimano-12-fach: der spezielle Verbindungsstift oder das Quick-Link, je nach Gruppe
  • Montageständer

Ein Hinweis vorweg: Bei Shimano-Ketten mit Verbindungsstift darf der Stift nicht in ein Glied gesetzt werden, in dem schon einmal ein Stift gedrückt wurde. Diese Stelle ist danach schwächer. Plane die Trennstelle entsprechend.

Die Shimano-Methode

  1. Lege die neue Kette um das größte Kettenblatt und um das größte Ritzel. Führe sie dabei nicht durch das Schaltwerk — die Kette läuft in dieser Messstellung direkt von oben nach unten.
  2. Zieh die beiden Enden so zusammen, dass sie sich gerade eben treffen. Das ist die Basislänge.
  3. Addiere von dort aus die Glieder für Schaltwerk und Federweg:
RahmenZuschlag nach Shimano
Hardtail4 bis 5 Glieder
Fully5 bis 6 Glieder

Die Angaben gelten für den Aufbau mit Kettenschloss. Achte darauf, dass die Kette am Ende ein Innen- und ein Außenglied hat, die zueinander passen — sonst lässt sie sich nicht schließen.

Der Grund für den Unterschied zwischen Hardtail und Fully ist die Kettenlängung beim Einfedern. Bei den meisten Hinterbaukonzepten wächst der Abstand zwischen Tretlager und Hinterachse, wenn der Dämpfer einfedert. Die Kette muss diesen Zuwachs mitmachen können, sonst zieht sie das Schaltwerk in eine Stellung, für die es nicht gebaut ist.

Die SRAM-Methode

SRAM misst von derselben Ausgangsstellung wie Shimano — Kette um Kettenblatt und größtes Ritzel, am Schaltwerk vorbei —, zählt die Zusatzglieder aber anders und trennt dabei ausdrücklich nach Rahmenart.

  1. Hardtail: Dort, wo sich die Kettenenden zu überlappen beginnen, zwei Innenglieder und zwei Außenglieder zugeben.
  2. Fully: Zuerst den Dämpfer bis zu dem Punkt im Federweg einfedern, an dem die Hinterachse am weitesten vom Tretlager entfernt ist. SRAM nennt dafür ausdrücklich das Ablassen der Luft oder den Ausbau des Dämpfers. Erst in dieser Stellung messen und ein Innenglied und ein Außenglied zugeben.

Der zweite Punkt ist der entscheidende. Wer beim Fully im unbelasteten Zustand misst und trotzdem nur ein Innen- und ein Außenglied zugibt, bekommt genau die zu kurze Kette, vor der dieser Beitrag warnt.

Dass die Reihenfolge hier gegenüber Shimano umgekehrt erscheint — beim Fully weniger als beim Hardtail —, ist kein Fehler: Bei SRAM steckt der Federweg bereits in der Messung, weil vorher eingefedert wird. Bei Shimano steckt er im Zuschlag. Genau deshalb darfst du die beiden Verfahren nicht mischen: Zuschläge aus dem einen System auf die Messmethode des anderen angewandt ergeben eine falsche Kette.

Für die T-Type-Antriebe gilt ein eigenes Verfahren, das über das Setup Cog und die Full-Mount-Montage läuft. Wenn du eine Transmission-Gruppe hast, nimm die Anleitung zu genau diesem Antrieb — hier ist Erfahrung aus anderen Systemen keine Hilfe.

Zur Ehrlichkeit gehört: Prüfe die Zuschläge an der Anleitung, die deinem Antrieb beiliegt oder auf der Herstellerseite steht. Die Verfahren haben sich zwischen den Generationen mehrfach geändert.

Die Gegenprobe — in beiden Fällen

Egal, nach welchem Verfahren du gearbeitet hast: Prüfe das Ergebnis in den beiden Extremstellungen, bevor du losfährst.

  • Größtes Blatt, größtes Ritzel: Der Schaltwerkskäfig darf nicht bis an seinen Anschlag gezogen sein. Es muss noch sichtbar Reserve bleiben. Steht er auf Anschlag, ist die Kette zu kurz — fahr diesen Gang nicht.
  • Kleinstes Blatt, kleinstes Ritzel: Der Käfig steht weit nach vorn gezogen, die Kette darf nicht durchhängen und der Käfig nicht an der Kettenstrebe oder am eigenen Anschlag anstehen.
  • Bei Fullys zusätzlich: Dämpfer entlüften oder Rad ohne Luft im Dämpfer komplett einfedern und dabei auf großem Blatt und größtem Ritzel bleiben. Erst dann siehst du, wie viel Kettenlängung dein Hinterbau wirklich hat. Diese Probe ist der Grund, warum sich der Aufwand lohnt.

Bei 1-fach-Antrieben entfällt die Kettenblattseite. Die Probe auf dem größten Ritzel bleibt.

Wenn du keine Anleitung zur Hand hast

Der Ersatzweg ist, die neue Kette neben die alte zu legen und Glied für Glied abzuzählen. Das funktioniert — aber nur unter zwei Bedingungen:

  • Die alte Kette hat nachweislich gepasst. Wenn du das Rad gebraucht gekauft hast, weißt du das nicht.
  • Du hast seither weder Kassette noch Kettenblätter noch das Schaltwerk gewechselt.

Wenn eine der beiden Bedingungen nicht erfüllt ist, miss neu. Und im Zweifel gilt: Lieber ein Glied zu lang beginnen und nach der Probe kürzen. Ein Glied wegnehmen ist eine Minute Arbeit, ein Glied dazusetzen bedeutet eine neue Kette.

Häufige Fragen zur Kettenlänge

Wie bestimme ich die Kettenlänge bei einem Mountainbike?

Nach Shimano: Kette um größtes Kettenblatt und größtes Ritzel legen, ohne sie durch das Schaltwerk zu führen, Enden zusammenbringen und dann vier bis fünf Glieder beim Hardtail beziehungsweise fünf bis sechs beim Fully addieren. Bei SRAM sind es beim Hardtail zwei Innen- und zwei Außenglieder; beim Fully wird zuerst bis zur größten Entfernung zwischen Tretlager und Hinterachse eingefedert und dann nur ein Innen- und ein Außenglied zugegeben.

Was passiert, wenn die Fahrradkette zu kurz ist?

Auf großem Kettenblatt und größtem Ritzel wird der Schaltwerkskäfig über seinen Anschlag hinaus gezogen. Bei einem Fully kommt die Kettenlängung beim Einfedern hinzu. Die Folge reicht vom verbogenen Schaltauge bis zum abgerissenen Schaltwerk im Laufrad.

Was passiert, wenn die Kette zu lang ist?

Sie hängt auf den kleinen Ritzeln durch, schlägt im Gelände an die Kettenstrebe, springt leichter ab und schaltet unpräzise. Gefährlich ist das seltener als eine zu kurze Kette, störend aber sofort.

Brauche ich bei einem Fully eine längere Kette als bei einem Hardtail?

Nach der Shimano-Methode ja — dort ist der Zuschlag beim Fully um ein Glied größer, weil der Abstand zwischen Tretlager und Hinterachse beim Einfedern wächst. Bei SRAM ist es umgekehrt: Für das Fully wird weniger zugegeben, weil vorher eingefedert wird — der Federweg steckt dort schon in der Messung. Entscheidend ist immer das Verfahren, das zu deinem Antrieb gehört.

Kann ich die neue Kette einfach nach der alten abzählen?

Nur wenn die alte Kette nachweislich gepasst hat und seither weder Kassette noch Kettenblätter noch Schaltwerk gewechselt wurden. Bei einem gebraucht gekauften Rad ist beides nicht gesichert — dann lieber neu messen.

Darf ich das SRAM-Kettenschloss mehrfach verwenden?

SRAM gibt für die PowerLock-Schlösser an, dass sie nur einmal verwendet werden dürfen. Ein neues Schloss kostet wenig — eine aufgehende Kette in einer schnellen Abfahrt deutlich mehr.

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Fahrradkette reinigen — inklusive Verschleißmessung. Shimano-Schaltung einstellen und SRAM-Schaltung einstellen.

Quellen

  • Shimano, Händlerhandbücher MTB-Antriebe (Verfahren zur Kettenlängenbestimmung, Zuschläge Hardtail und Fully), si.shimano.com
  • SRAM, Eagle Drivetrain — Bedienungsanleitung (Kettenlänge, PowerLock), support.sram.com — Hardtail zwei Innen- und zwei Außenglieder, Fully eingefedert und dann ein Innen- und ein Außenglied
Über Mountainbiker 41 Artikel
Fährt Touren, Trails und Bikeparks — und schraubt, wenn es sein muss. Schreibt auf mountainbike.top über Bikes und Ausrüstung, E-MTB und Gravel, Strecken und Technik.

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